Als heute morgen um halb acht der Wecker klingelt lockt einen wenig aus dem warmen Bett. Draussen regnet es, und laut Temperaturanzeige hat es 6 Grad. Eigentlich perfekt um noch einen Moment (bis 2 Stunden) liegen zu bleiben, wären da nicht 2 wichtige Faktoren: (1) ich habe mich für 8.30 Uhr zum Frühstück angemeldet, und (2) laut Wetterbericht sollte es gegen 9 Uhr aufklaren.
Ich whatsappe erstmal ein bisschen mit zuhause, während das Badezimmer aufheizt, und bin dann pünktlich um halb neun Uhr im Hauptgebäude. Zeitgleich mit mir treffen John und Chrissie ein, Gäste die ich gestern kennengelernt hatte. Nach der ersten Morgenbegrüssung fragen sie mich, ob ich nicht mit ihnen zusammen frühstücken möchte (statt an getrennten Tischen). Ich habe das in früheren Reiseberichten schon angesprochen, aber das ist wirklich einer der Punkte, die ich an Nordamerika (egal ob Kanada oder USA) immer sehr geschätzt habe. Man findet hier schnell und sehr leicht Anschluss, der aber zumindest anfangs auch angenehm unverbindlich ist. Wir unterhalten uns zum Frühstück über eine Stunde sehr angeregt miteinander, und da die Beiden mit einem Tag Vorsprung auf meine Pläne heute nach Bella Coola reisen ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir uns dort wieder sehen werden – aber man entwickelt keine Erwartungshaltung daraus. Wenn es klappt freuen sich alle, aber falls wir uns nie wieder sehen, haben wir heute morgen trotzdem eine gute Zeit zusammen gehabt.
Damit ist es dann auch kurz vor 10 Uhr, bis ich heute morgen loskomme. Inzwischen hat der Regen wie vorhergesagt auch schon aufgehört.
John hat sein Quad dabei, das Platz für 2 Personen und (in der selbstgebauten Box hinten dran) 2 Hunde bietet. John ist ein “Private Contractor”, d.h. er macht so ziemlich alles, was handwerklich anfällt. Beim Frühstück hatte er unter anderem erzählt, dass er daheim neben ihrem Haus auch noch eine Floating Cabin am See hat, von denen er bereits 4 Stück komplett selbst gebaut hat. “Floating” deswegen, weil die Häuser schwimmend auf dem Wasser gebaut werden – im Gegensatz zu Bauten an Land gibt es für solche Häuser keine Bauvorschriften in Alberta, d.h. man kann quasi machen was man will.
Für den heutigen Tag entschliesse ich mich, nochmal einige Kilometer zurück zu fahren – meine Reiseplanung hatte für den Hinweg nach Anahim Lake einen Abstecher an den Tatlayoko Lake vorgesehen, den ich aus Zeitgründen allerdings gestrichen hatte; heute will ich das nachholen. Das sind zwar gut 100-120 Kilometer pro Weg, aber der See soll sehr schön sein, und ich habe sonst ja schliesslich auch nichts vor 🙂
Also, Hörbuch angemacht und los geht es. Unterwegs ist das Wetter noch etwas durchwachsen; das war vor einigen Tagen also schon schöner als heute, aber sollte im Lauf des Tages dann noch werden.
Nach gut 2 Stunden gelange ich an die Abzweigung zum See. Laut Google Maps sollten es von hier aus noch rund 30 Kilometer sein, das wird sich aber als Trugschluss erweisen – nach 30 Kilometern stehe ich jedenfalls mitten im Wald, nichts zu sehen vom See.
Nach gut 2 Stunden Fahrt komme ich dann an der Abzweigung zum Tatlayoko Lake an. Google Maps behauptet, dass es ab hier noch knapp 30 Kilometer bis zum See sind, das stellt sich dann aber als falsch heraus – nach 30 Kilometern stehe ich buchstäblich mitten im Wald, vom See nichts zu sehen. Immerhin 12 Kilometer später bin ich dann aber doch am eigentlichen See.
Unterwegs auf der Tatlayoko Lake Road:
Dafür fordert mich eine Kuh zu einem “Game of Chicken” heraus – sie stellt sich nämlich mitten in den Weg, und macht keine Anstalten, mir auszuweichen. Ich bremse komplett ab und ku(h)rve vorsichtig um sie herum, dann geht es auch schon weiter. Am Ende sind es dann wirklich nur 12 Kilometer weiter, bis plötzlich der Tatlayoko vor mir liegt.
Nur einen knappen Kilometer weiter kommt ein grosszügig angelegter Rastplatz am Seeufer, mit mehreren Stellplätzen, Feuerstellen und sonstiger Infrastruktur. Nachdem mir die letzte halbe Stunde kaum ein Auto begegnet ist, erwarte ich fast, den Platz für mich zu haben, aber o Wunder: es steht bereits in Truck Camper auf dem Gelände.
Nun entwickelt man auf solchen Reisen mit der Zeit ja gewisse Erfahrungswerte Vorurteile. Eins davon lautet: wenn jemand mitten in der Wildnis beim ersten Aufeinandertreffen nicht grüsst und/oder kein Englisch spricht, und dabei gerne noch etwas muffig dreinschaut, dann ist es in 70% der Fälle ein Deutscher. Als ich aussteige, begrüsse ich das Pärchen mit dem üblichen “Hey how are you”; er nickt nur, sie redet in ihr Handy. Nice! Dann sprechen sie miteinander, und was soll ich sagen: es sind Dütsche! 😉 Ich gebe mich dann auch nicht zu erkennen, und verziehe mich weiter nach hinten auf dem (wirklich grosszügig angelegten) Platz.
Heute kommt dann auch zum ersten Mal auf dieser Reise die extra mitgebrachte, akkubetriebene Espressomaschine zum Einsatz. Wasser und Kaffeepulver habe ich mitgebracht, aufheizen und durch das Sieb drücken passiert mit der eingebauten Batterie, eine feine Sache:
Ich geniesse dann erstmal meinen Espresso, und laufe noch ein wenig am See entlang. Schade dass das Wetter so durchwachsen ist; der See ist wirklich sehr schön, man hat so gut wie keine anderen Besucher, und keinerlei Lärm oder sonstige Störungen.
Innerhalb von Kanada ist zwar nach wie vor der Moraine Lake mein absoluter Favorit (Details siehe hier), dicht gefolgt vom Kathleen Lake im Kluane Nationalpark (eines der Bilder aus diesem Bericht hängt bei mir gerahmt an der Wand, was ein Traum!), aber der Tatlayoko platziert sich direkt auf Rang 3 der Liste.
Ich verlasse den Rastplatz und fahre noch etwa anderthalb Kilometer weiter, bis ich zum Tatlayoko Community Park komme; einem “Stadt”park in Selbstverwaltung. Ausser mir sind nur ganz am Rande noch 2 andere Fahrzeuge hier, deren Insassen doch tatsächlich auf einem kleinen Putting Green Golf spielen. Ich sammle noch schnell ein paar Eindrücke auf:
Danach soll es aber auch gut für heute sein; es ist bereits kurz nach halb drei, eine gute Zeit um wieder zurück ins Eagles Nest zu fahren.
Auf dem Rückweg fällt mir kurz hinter Tatlayoko Lake auf einem Feld noch dieses Kunstwerk aus Holz ins Auge, für das ich sogar extra nochmal wende:
Im weiteren Verlauf des Heimwegs klart das Wetter stellenweise nochmal auf, und man merkt schon langsam, dass die beiden kalten Nächte die letzten Tage die Indian Summer Farben stärker hervorbringen:
Es hat dann noch einige Male Kühe auf der Strasse, die sich offenbar keine Sorgen um ihr (Über-)Leben machen. Es wird ja überall darauf hingewiesen, dass hier “Open Range” Viehhaltung betrieben wird, aber die generelle Ignoranz der Tiere gegenüber dem Autoverkehr ist schon eindrücklich.
Im weiteren Verlauf der Fahrt ist das aber nur ein kleiner Bestandteil; schön ist vor allem, dass das Wetter spürbar besser wird.
Auch sehr schön zu sehen: die neue Farbschicht auf dem Auto von gestern, Marke “Spass am Outdoor-Dasein”, hat sich nochmal intensiviert. Kein Wunder erhebt FarOutWilderness eine Reinigungsgebühr von 120 CAD auf ihre Mieten!
Okay, die Linse der Rückfahrkamera habe ich dann mal geputzt, so geht das wirklich nicht! 🙂
Auf dem Rückweg halte ich nochmal in Anahim Lake an der Tankstelle, um für morgen und meine Fahrt nach Bella Coola schon einen vollen Tank zu haben. Lustigerweise tanke ich zufällig auf den Cent genau exakt die gleiche Menge Sprit wie gestern, unglaublich! Aktueller Preis ist 1.07 CHF pro Liter, auch das eher aus der Kategorie “unglaublich”.
Kurz nach 17 Uhr bin ich zurück am Eagles Nest und springe erstmal unter die Dusche; danach setze mich dann wieder in die Bibliothek, um mit den Resten der Weinflasche von gestern meine Fotos zu bearbeiten. Um 18 Uhr gibt es dann aber schon wieder Dinner; heute gibts als Hauptgang Hackbraten mit Bratkartoffeln in Knoblauch (sehr lecker, und ich muss mir morgen sicher keine Sorgen um Moskitos machen 🙂 )
Nach dem Dinner setze ich mich wieder in die Bibliothek, um den Reisebericht fertig zu schreiben, aber wie gestern auch schon geht diese Planung so gar nicht auf 🙂 Oliver bringt mir nicht nur sein grünes Quietsche-Spielzeug von gestern, sondern auch noch ein undefinierbares anderes Spielzeug in weiss, und die nächste Stunde vergeht angeregt damit, dass ich die beiden Teile abwechselnd durchs Zimmer schleudere. Die anderen Gäste sind zu der Zeit bereits (ungemütlich!) in ihre Zimmer verschwunden, und es stehen auch keine Spätankömmlinge mehr auf dem Programm, also setzt sich Diane noch mit einem Glas Weisswein zu mir und wir plaudern noch bis gegen halb zehn, während Oliver müde von seinem Tagewerk neben mir auf dem Sofa einschläft.
Den Reisebericht stelle ich dann zurück im Zimmer fertig; morgen heisst es wieder um 8.30 Uhr zum Frühstück, aber danach ist auch bereits Auschecken aus dem Eagles Nest angesagt – denn morgen geht es weiter an das erste grosse Zwischenziel dieser Reise: über The Hill hinunter nach Bella Coola, und dort hoffentlich dann auch mit Bärensichtungen!
Unterkunft: Eagles Nest Resort, Anahim Lake
Gefahrene Km: 290
Schritte: 6’926
Fotos: 247











































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