ca. 17 Minuten Lesezeit | Seitenaufrufe: 10 |

Jeden Tag geht es mit der Eingewöhnung an die neue Zeitzone ein Stückchen voran; statt wie gestern um 4 Uhr wache ich heute erst um 6 Uhr auf. Die Gastgeber meines AirBnB für heute nacht hatten mir gestern noch eine Nachricht geschickt, ob ich schon ungefähr weiss wann ich bei ihnen ankommen werde – das bringt mich heute morgen dann direkt ins Grübeln, was ich heute mit dem Tag anfangen will

Der Frenchman (Claude) hatte mir im Roadbook für heute zwar ein Auflugsziel empfohlen, allerdings einen Ort der nach meinem heutigen Tagesziel liegt statt davor. Soviel zum Thema AI 🙂  Dafür sieht der Wetterbericht für heute ausnehmend gut aus, ich will also auf jeden Fall den Weiterweg mit einem Ausflug verbinden. Ich lese mich auf Google Maps und Tripadvisor ein wenig ein, und finde dann etwas das sich sehr gut anhört. 

Nur gut 50 Kilometer von Lillooet entfernt befindet sich der Terzahgi Dam, ein 55 Meter hoher Staudamm und eines der Vorzeigeprojekte von British Columbia Hydro. Die Reviews erwähnen alle, wie schön die Landschaft auf dem Weg dorthin ist, inbesondere wenn man vom Damm dann noch weiterfährt nach Seton Portage, eine First Nation Gemeinde die zwischen zwei Seen (Anderson Lake und Seton Lake) angelegt ist. Nur eines wundert mich, die angegebenen Fahrzeiten sind für die kurze Strecke doch sehr lange – bis klar wird, dass ein grosser Teil der Strecke aus Gravel Roads besteht, d.h. unbefestigten Wegen (“wassergebundene Decke” im deutschen Fachjargon) für die ein 4×4 wärmstens empfohlen wird.

Da passt es doch perfekt, dass ich genau so einen Mietwagen mit Gravel-Freigabe habe! Der Plan für den Tag ist also klar, ich fahre auf jeden Fall mal bis zum Damm, und entscheide dann spontan ob ich von dort aus zurück nach Lilloeet und von dort aus weiter zum heutigen Tagesziel fahre, oder doch auch noch nach Seton Portage. 

Nachdem das geklärt ist gehe ich durchs Bad, und finde dann auch bereits vor meinem Zimmer ein Tablett mit dem Frühstück für heute. Das Croissant und die Trauben sind wirklich lecker, und nachdem anschliessend alles wieder ins Auto verräumt ist, breche ich um kurz nach 9 Uhr auf. 

Auf dem Weg zum Damm komme ich sowieso nochmal durch Lillooet “Downtown”, und halte zunächst bei einem Café, das mir Google Maps empfohlen hat. Die Besitzer des Cafe DeOro sind ausgesprochen freundlich, und mein Caramel Macchiato ist wirklich sehr gut. Die beiden anderen Gäste hinter mir sind unverkennbar Deutsche und wir plaudern kurz, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.

Bevor ich Lillooet verlasse geht es noch zum Tanken; ich hatte gestern schon bei der Übernahme des 4Runners gedacht, dass die Tankuhr nicht auf ganz voll stand, und dass jetzt 53 Liter in den Tank gehen zeigt klar, dass da schon einiges gefehlt hat. Dafür kostet der Sprit hier umgerechnet nur 1.10 CHF, sowas ist man daheim ja schon lange nicht mehr gewohnt. 

Erste Eindrücke vom Tag auf dem Weg aus Lillooet hinaus

Und dann beginnt auch tatsächlich schon die Gravel Road.

Leute, die solche Strecken öfters fahren wissen, dass es oft besser ist, nicht zu langsam zu fahren – ab einem gewissen Tempo “gleitet” der Wagen quasi über die Schlaglöcher, anstatt in jedes einzelne hineinzurumpeln. Wie schnell “nicht zu langsam” konkret ist, dürfte Ansichtssache sein; klar ist allerdings, dass die Locals ihr Limit deutlich höher ansetzen als ich meins. Es hat zwar nicht sehr viel Verkehr, aber ich lasse doch im Lauf des Morgens eine Handvoll Trucks und Pickups vorbei. Vorallem die Fahrzeuge von BC Hydro, die hier vermutlich jeden Tag geschäftlich unterwegs sind, kennen keine Gnade mit ihren Kisten. Die gleiten nicht, die fliegen über ihre Schlaglöcher 🙂

Nach knapp 3 Stunden gelange ich am Damm an; hier ist gerade Baustelle, und man muss einige Zeit warten, bis wir auf der einspurigen Strasse durch den Berg dürfen.

Auf der anderen Seite stellt sich dann konkret die Frage, ob ich nach Seton Portage weiterfahren will. Ich bin nicht sicher ob ich mich dafür entschieden hätte, wenn ich vorher gewusst wie die nächsten 20 Kilometer Strasse aussehen, aber da ich das nicht wusste, habe ich mich für die Weiterfahrt entschieden. 

Vom Damm aus führt die Mission Mountain Road knapp 1200 Höhenmeter zum Mission Mountain Pass, und von dort wieder hinunter. Die Strasse ist zwar auch Gravel, aber nicht mit der breiten, grosszügigen Road vom Morgen zu vergleichen. Erfreulicherweise fährt aber fast bis zum Schluss ein Baumaschinen-Pickup vor mir her, der sich hervorragend als Pace Car eignet – er kann kaum schneller fahren als ich will, das ergänzt sich perfekt.    

Aus der Höhe sieht man schon gut auf den Seton Lake herunter:

Seton Portage entpuppt sich als ein traumhaft schönes ruhiges Örtchen. Hier im paar Impressionen (wie oft bei First Nation Gemeinden ist auch diese nur begrenzt auf Touristen ausgelegt; das macht aber durchaus einen Teil des Charms aus).

War ganz schön staubig unterwegs!

Bei diesem Schild drehe ich dann lieber wieder um 🙂

Auf dem Rückweg mache ich noch einen Abstecher in den Nachbarort Shalalth; der hat sogar eine Bahnstation. Ob die noch in Betrieb ist konnte ich aber ad hoc nicht herausfinden, dafür gibt es noch schöne Impressionen vom See.

Inzwischen ist es nach 13 Uhr, und ich muss ja nicht nur nach Lilloeet zurück, sondern von dort auch noch knapp 3 Stunden bis nach “108 Mile House” fahren. Also höchste Zeit zum Aufbruch.

Der Weg den Mission Mountain Pass hoch und wieder herunter absolviere ich zügig und entspannter als den Hinweg; einerseits hat es erfreulichweise kaum Verkehr, so dass die einspurige Fahrbahn nicht mit zu vielen Herausforderungen aufwartet, andererseits habe ich inzwischen ein gutes Gefühl dafür, wie der 4Runner reagiert. Kein Vergleich zu gestern nach der Übernahme! Wenn man ein neues Auto kennenlernen will, gibt es wohl weniges, das lehrreicher ist als ein paar Stunden auf unbefestigter Strasse 🙂

Und eins muss man Claude lassen, mit einem hat “er” definitiv recht gehabt in der Reiseplanung: ich erlebe heute ein British Columbia, das nur die wenigsten Touristen je zu Gesicht bekommen. Und dabei bin ich jetzt ja noch am Anfang der Reise, und noch sehr in der Nähe der gängigen Touristenrouten. 

Zurück in Lillooet gehe ich an der gleichen Tankstelle wie heute morgen nochmal tanken, weil ich doch neugierig bin was der 4Runner für diese Tour gebraucht hat. 22 Liter stehen am Ende auf der Uhr, was für 150 Kilometer bei normalen Strassen viel wäre, aber für diese Strecke über Stock und Stein, oft im ersten oder zweiten Gang, und allein 2400 Höhenmetern zwischen Damm und Seton Lake, kann man wirklich nicht meckern.

Beim Verlassen der Tankstelle kommt noch dieses interessante Gefährt vorbei. Der deutsche TÜV bekommt einen Schlaganfall bei dem Anblick 🙂

Auf dem Weg nach 108 Mile House mache ich noch kurz an einigen Viewpoints Halt, ansonsten will ich jetzt aber auch vollends zügig durchkommen. 

Auf dem Weg nach Norden komme ich dann auch bald auf Hwy 97, eine gut ausgebaute Strasse, bei der man stellenweise sogar ganz offiziell 110 km/h fahren darf, was für Kanada schon viel ist – und für mich nach den Gravel Roads von heute morgen direkt erholsam wirkt.

Kurz vor Ankunft am Ziel mache ich noch Halt in “100 Mile House” (ja so heissen die Orte hier wirklich) um noch etwas für ein frühes Dinner zu finden. Mir ist klar, dass ich nicht mehr losfahre, wenn ich nachher in meinem AirBnB angekommen bin, und mache somit Halt in der “Cask & Cleaver Brewing Company“, erneut eine Empfehlung von Google Maps. Und was soll ich sagen, der “Smokehouse BBQ Burger” mit Pommes ist der mit Abstand beste Burger, den ich seit Jahren hatte! Ich bedaure es direkt, dass ich morgen abend bereits in Nimpo Lake sein muss. 

Kurz nach 18 Uhr gelange ich dann an meiner Bleibe für heute nacht an, und muss sagen – entweder habe ich für das Zimmer in Lillooet letzte Nacht deutlich zu viel bezahlt, oder das ist hier ist ein echtes Schnäppchen. Für weniger als 30 Franken Preisunterschied habe ich hier nicht nur ein Zimmer, sondern eine ganze Wohnung – inklusive Hot Tub!

Bruce und Carol, die Besitzer, wohnen im oberen Stock des Hauses, und vermieten das “Erdgeschoss”. Bruce kommt noch schnell vorbei und erklärt mir wie der Tub funktioniert. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt den zu nutzen, aber angesichts der Mühe die sich Bruce offensichtlich damit gibt, den Tub und das Wasser in Top Zustand zu halten, gönne ich mir dann doch ein heissen Bad zum Tagesabschluss.

Und sonst so? Es ist wirklich kaum zu glauben, dass heute erst mein dritter Reisetag hier ist; es fühlt sich für mich jedenfalls (im besten Sinn) deutlich länger an. Es gibt eben doch kaum etwas Besseres, um den Kopf freizubekommen, als einen Roadtrip in schöner Natur! Ich freue mich dann aber auch, wenn die nächsten Tage in Nimpo Lake (wo ich 3 Nächte am Stück gebucht habe) dann auch zur Abwechslung einmal mehr Zeit fürs Hiken bleibt als nur die Fahrerei.

Unterkunft: 108 Mile Ranch, 5278 Kallum Drive (via AirBnB)
Gefahrene Km: 351
Schritte: 4’108
Fotos: 488