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Vorbemerkung

Heute war ich tatsächlich etwas zwiespältig, wie vollständig ich meinen Tagesbericht schreiben soll. Ich bin am Nachmittag in eine Vollsperrung wegen eines Unfalls gekommen, der mich doch noch recht beschäftigt hat (auch wenn ich zum Glück weit weg von allem war, und nur indirekt mitbekommen habe worum es ging). Das passt natürlich nicht zu der guten Grundstimmung, die meine Urlaubsberichte normalerweise haben, aber das war heute nunmal auch Teil des erlebten Tages. Und ich versuche ja immer, meine Berichte so zu schreiben, dass man die Tage nachvollziehen kann. Daher also hier der heutige Bericht in kompletter Fassung.

Der Roadtrip beginnt!

Gestern abend hatte ich dann doch bis 21 Uhr durchgehalten, umgerechnet ist das ja immer noch 6 Uhr morgens gefühlter Zeit. Als ich dann ins Bett bin war ich auch sofort eingeschlafen, dafür aber um 4 Uhr bereits wieder hellwach. Nach einer Stunde lesen konnte ich nochmal etwas dösen, bis um 7 Uhr der Wecker geklingelt hat, und dann war die Nacht wirklich zu Ende.

Der Wetterbericht hat leider erstmal recht behalten, Vancouver begrüsst mich heute morgen mit Wolken und kühlen 13 Grad.

Nachdem ich durchs Bad bin gehe ich im Aufenthaltsraum erstmal frühstücken; es gibt frischen O-Saft, Kaffee, French Toast mit Ahornsirup, Obstsalat und Tapetenkleister Oatmal. Keine Ahnung wieso ich jedes Mal in Kanada aufs Neue das Oatmeal versuche und etwas a la Birchermüsli erhoffe, langsam müsste ich das wirklich besser wissen!

Um 9 Uhr nutze ich den Fast Checkout via Email und verlasse das Fairmont; nach nur wenigen Minuten vor dem Gebäude sehe ich auch schon einen SUV mit grossen “FarOut Wilderness” Aufklebern vorfahren – Sam ist pünktlich mit meinem Toyota 4Runner angekommen. Wir fahren etwa 10 Minuten, bis wir einen kostenlosen Aussenparkplatz erreichen. Dort erklärt mir Sam das Auto, vor allem wie man die verschiedenen 4×4 Modi aktiviert und wie man im Bedarfsfall einen Reifen wechselt. Im “Lieferumfang” des Wagens inbegriffen ist ein BearSpray  sowie ein GPS Handsendersystem, über das ich im Notfall mit ihnen Kontakt aufnehmen kann, falls ich  im Hinterland ohne Handyempfang eine Panne haben sollte.

Der Kofferraum des Toyota ist grösstenteils mit einem Staufachsystem belegt, das sie leider vorher auch nicht geleert haben – ich fahre also eine Portion Tupperware, Pfannen und sonstiges Zubehört spazieren, das ich gar nicht brauchen werde. Der gasbetriebene Kühlschrank, auf den ich mich umgekehrt wirklich gefreut hatte, ist bei diesem Wagen dafür gar nicht vorhanden, ich muss nachher also auf jeden Fall noch eine Kühlkiste kaufen.

Trotz der Staufächer bekomme ich mein Gepäck aber problemlos verstaut, überreiche Sam dann noch einen Schwung Schweizer Schokolade als kleines Dankeschön für die Hilfe bei der Reiseplanung, und dann macht er sich auch schon auf den Weiterweg. Vorher klärt er mich aber noch daüber auf, dass heute Feiertag in Kanada ist, und daher viele Läden geschlossen haben. Nachdem mich 2012 ja einmal der Memorial Day in USA kalt erwischt hatte (und ich unvorbereitet 200 USD für ein sonst-50-Dollar-Motelzimmer bezahlen musste, um überhaupt eine Unterkunft zu bekommen) hatte ich mir ja geschworen dass mir so etwas nicht nochmal passiert, aber das heute Labour Day in Kanada ist, war tatsächlich komplett an mir vorbei gegangen!

Für die Unterkunftsplanung macht das heute zum Glück keinen Unterschied weil ich ja alles gebucht habe, aber der Feiertag wird sich nachher doch noch bemerkbar machen.

Mein Wagen für die nächsten 2.5 Wochen – ein Bolide ist es zwar nicht, dafür fehlen ihm schon einige PS, und mit 170’000 Kilometern auf der Uhr ist er auch nicht mehr taufrisch, aber der Wagen ist gepflegt und gut in Schuss gehalten. Und obwohl er offensichtlich schon ein paar Jahre alt ist, hat er trotzdem bereits Apple CarPlay, so dass ich problemlos mit Google Maps vom Handy aus navigieren kann.

Zunächst mal fahre ich durch Vancouver nach Norden, um die Stadt in Richtung Whistler zu verlassen. Unterwegs mache ich noch Halt an einem SafeWay; Supermärkte haben hier offenbar auch an Feiertagen geöffnet, zumindest an Labour Day. Der Laden ist allerdings eher überschaubar, aber eine kleine Grundausrüstung an Wasser, Müsliriegeln etc. bekomme ich dennoch – und eine Styropor-Kühlkiste und einen Beutel Eiswürfel, um das Ganze dann auch kalt zu halten. Zum Schluss gibt es bei Starbucks noch einen Coffee To Go, und dann mache ich mich wirklich auf den Weg.

Innerhalb von Vancouver ist trotz (oder wegen?) des Feiertages immer noch eine Menge los:

Ausserhalb von Vancouver wird der Verkehr etwas lichter, aber es ist immer noch recht bewölkt.
Vielleicht auch ein Nebeneffekt des Feiertages: es hat eine spürbar hohe Polizeipräsenz auf der Strecke; ich komme alleine bis Whistler an 4 verschiedenen Geschwindigkeitskontrollen vorbei, bei denen ein Polizeiwagen mit der Laserpistole Leute beim Speeden erwischt hat. Darunter sind auch 2 Motorräder, die mich bei Tempolimit 80 geschätzt mit 110-120 auf dem Highway überholen, nur damit ich sie 10 Minuten später am Strassenrand stehen sehe, vor einem Police Cruiser mit voller Festbeleuchtung (leider ohne Foto). Wie man später sehen wird, haben die Beiden damit aber immer noch viel Glück gehabt.

Auf dem Weg nach Norden hatte ich mir einige Aussichtspunkte vorgemerkt, die ich gerne besuchen wollte. Hier macht sich allerdings leider sowohl der Feiertag bemerkbar, wie auch die Tatsache dass die Strecke von Vancouver nach Whistler einfach immer von Touristen überlaufen ist. An allen Punkten, an denen ich halten wollte (aber auch an allen anderen), ist der Teufel los.

Hier mal exemplarisch der komplett zugeparkte Parkplatz in der Nähe eines kleinen Sees. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass das Wohnmobil aus dieser Lücke nochmal herauskommt, solange die Autos so in der Mitte parken?

Der einzige Parkplatz, an dem ich wenig später noch einen Stellplatz bekomme, hat leider wenig Aussicht zu bieten – aber Dank Teleobjektiv finde ich zumindest heraus, dass man vor Vancouver auch Möglichkeiten zum Kite-Surfen hat 🙂  Ich bin leider zu weit weg, um gute Aufnahmen machen zu können, aber man kann es erahnen.
Ähnlich voll wie am Parkplatz mit dem Wohnmobil sieht es an allen anderen Plätzen unterwegs aus. Bei den Wasserfällen Shannon Falls komme ich nicht mal auf den Parkplatz; der Rückstau auf die Zufahrtsstrasse ist so lange, das ich irgendwann aufgebe und umdrehe. Eine Dreiviertelstunde später stelle ich am Parkplatz der Brandywine Falls fest, dass ich vor 2 Jahren auf meinem Weg von den Nationalparks nach Vancouver dort schonmal angehalten hatte. Heute bekomme ich nichtmal einen Stellplatz, also fahre ich kurzentschlossen weiter.

Immerhin wird dafür das Wetter besser; inzwischen sind wir schon bei 24 Grad angelangt, der Verkehr wird weniger, und bei offenem Schiebedach und Sonnenschein kommt mit meiner Playliste für Roadtrips auf ordentlicher Mitsing-Lautstärke richtig gute Laune auf.

Kurz nach Pemberton wird aus dem gut ausgebauten Hwy 99 eine kurvige Bergstrasse, die sich in Serpentinen in Richtung Lilloeet in die Höhe windet, meinem Ziel für heute. Die ersten Kilometer bin ich in meine Richtung alleine auf weiter Flur, dann habe ich irgendwann 2 Locals in ihren Pickups hinter mir, denen ich offensichtlich zu langsam bin. Ich lasse sie an der nächten Möglichkeit vorbei und fahre auf einen grossen Ausweichplatz, auf dem ich kurz die Drohne steigen lasse.

An dieser Stelle fängt der bis hierhin eigentlich richtig schöne erste Fahrtag dieses Roadtrips aber leider an, sich zu verschlechtern. Ich habe gerade die Drohne in die Luft geschickt, als man die Sirenen eines Einsatzfahrzeugs den Berg hochkommen hört. Innerhalb von 5 Minuten fahren erst ein Polizeiwagen und dann noch Fire & Rescue mit Alarmgeschwindigkeit vorbei.

Ich hole die Drohne wieder nach Hause ins Auto, und mache mich auf den Weiterweg, in der Hoffnung dass die Einsatzfahrten gerade eben kein schlechtes Zeichen waren.

Etwa 20 Minuten danach laufe ich aber auf einen Stau auf, und ein Mann mit “Volunteer” Shirt signalisiert einen Halt. Er erzählt mir dann, dass es die Passstrasse hinunter ein paar Kurven weiter hinten einen Unfall gegeben hat; ein Motorrad ist in der Kurve zu weit über die Mittellinie gekommen und hat dabei ein entgegenkommendes Auto gestreift. Man wartet jetzt auf eine Ambulanz aus Pemberton, die bei den hiesigen Entfernungen und Strassenverhältnissen aber auch eine Zeit lang brauchen werden; er selbst sei schon seit 20 Minuten hier im Einsatz.

Etwa eine Viertelstunde später kommen nacheinander 2 Krankenwagen, ein Notfallarzt und ein Abschleppwagen an unserer Fahrzeugschlange vorbei.

Als ich bereits eine gute Dreiviertelstunde gestanden bin, hört man auch noch einen Helikopter anfliegen. Definitiv kein gutes Zeichen; dass er erst eine halbe Stunde später wieder abhebt heisst aber hoffentlich, dass sie dem Motorradfahrer in der Zeit helfen konnten. Es dauert dann nochmals eine halbe Stunde, bis die Polizei den Verkehr wieder freigibt. Der Hwy 99 ist nicht mit dem Verkehr auf einer Autobahn in Deutschland oder Schweiz vergleichbar, aber es haben sich in dieser Wartezeit doch lange Schlangen aufgestaut – wie mein Kilometerzähler bestätigt, sind es auf der Gegenfahrbahn über 3 Kilometer.
Wie man hier ganz gut sieht, wird der Verkehr in meine Richtung nach der Strassenöffnung von insgesamt 4 Wohnmobilen angeführt. Ich finde, die vier bewegen ihre grossen Schiffe auf den kurvigen Strassen sehr zügig und beherrscht.

Nach einer Dreiviertelstunde in diesem Konvoi endet aber leider die Contenance bei einigen Mitmenschen schon wieder. Obwohl wir gerade alle anderthalb Stunden wegen eines schweren Unfalls festgesessen haben, setzt bei 2 Zeitgenossen das Hirn aus – ein EV Ford Mustang und ein Mercedes müssen unbedingt Kolonnenspringen üben, um nach und nach die 4 Camper zu überholen. Dass das bei der kurvigen, unübersichtlichen Strasse nicht gerade ein schlauer Plan ist, interessiert sie wenig. Und dass in dem Mercedes, der im Stau vorhin noch direkt vor mir stand, ein Elternpaar mit 2 kleinen Kindern sitzt, macht das Ganze noch unverständlicher. Dass wir den Mustang rund 10 Minuten später wiedersehen, als er sich an einem Aussichtspunkt gerade in eine Parklücke manövriert, überrascht dann aber auch nicht mehr.

Früher wurden die Doofen vom Säbelzahntiger gefressen, heute macht ein Teil von ihnen offenbar zeitgleich mit mir Urlaub.

In der Anfahrt auf Lillooet:

Kurz nach 18 Uhr komme ich dann endlich in Lillooet an. Meine Unterkunft für heute nacht ist eine kleine Cabin auf einem RV Campingplatz, die ich über AirBnB gebucht hatte. Nichts Luxuriöses, ein Zimmer mit kleinem Bad, aber tipptopp etwas ausserhalb vom Ort ruhig gelegen.

Ich frage Jane, die den Campingplatz betreibt, nach einer Empfehlung fürs Nachtessen. Natürlich sind wegen des Feiertags auch nicht alle Lokale offen, aber sie empfiehlt mir die lokale Brauerei, die immerhin bis 20 Uhr geöffnet sein sollte.

Nach einer Fahrt durch das (heute?) menschenleere Lillooet gönne ich mir eine Pizza und ein grosses Bier, das tatsächlich so gut schmeckt dass ich noch 4 Dosen davon für die nächsten Tage “to go” mitnehme.

Um 19.30 Uhr bin ich zurück in meiner Unterkunft; jetzt heisst es noch Fotos sichten und den Reisebericht schreiben, und dann ab ins Bett!
Unterkunft: B&B Texas Creek Road 2211, Lilloeet (via AirBnB)
Gefahrene Km: 318
Schritte: 3’608
Fotos: 244