ca. 21 Minuten Lesezeit | Seitenaufrufe: 1 |

Heute nacht durften wir durchschlafen, es gab erst einmal keine interessanten Sichtungen, die es notwendig gemacht hätten uns zu wecken.

Aktuell sind wir mitten im Packeis, und unser Kapitän und der 1. Offizier geben alles – und tatsächlich schaffen wir es am Ende gut hindurch. Die Beiden hätten sich ihr Leben deutlich einfacher machen können, indem sie einfach umgedreht und den gleichen Weg in Richtung Longyearbyen eingeschlagen hätten wie auf der Herreise, aber nun werden wir es wahrscheinlich tatsächlich schaffen, Spitzbergen komplett zu umrunden!

Stefan wünscht sich das schon seit seiner ersten Spitzbergenreise, bisher hatte das aber noch nie geklappt. Vor einer Woche wäre daran auch noch nicht zu denken gewesen, aber in den letzten Tagen ist das Packeis deutlich zurück gegangen und hat uns damit eine Fahrroute geschaffen.

Nach dem Frühstück gehen Stefan, Peter und ich Drohne fliegen während die Freya sich durch das Packeis kämpft, herrlich!

Die Fahrrinne, die wir durch das Eis brechen, lockt Dutzende von Vögeln an, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen im frisch aufgebrochenen Wasser nach Fischen zu jagen.

Dann ist erst mal wieder allgemeines Fotoschauen im Salon angesagt.

Zwischendurch gibt es den Fika Vormittagssnack

Für 10.30 Uhr hat Oscar einen Vortrag über Andree den Ballonfahrer angekündigt. Salomon Andree war ein schwedischer Polarforscher, der 1897 mit 2 anderen Expeditionsteilnehmern in einem Gasballon zum Nordpol fahren wollte, aber nie dort ankam. Der Verbleib der 3 Männer blieb über 30 Jahre lang ein Rätsel, erst 1930 wurde ihr letztes Lager entdeckt. Oscar erzählt wie gewohnt
sehr mitreissend und baut auch noch eine tragische Liebesgeschichte zwischen Nils, einem der anderen Teilnehmer, und dessen Verlobten Anna mit ein, die im offiziellen Wikipedia Artikel (externer Link) leider zu kurz kommt.

Mittedrin wird der Vortrag allerdings von Stefans lauten A bear! A bear! Rufen unterbrochen, und dagegen hat Oscar natürlich keine Chance – alles rennt an Deck. Der Bär ist leider ein ganzes Stück weg von uns, geschätzt 600-700 Meter, und läuft damit eher wieder in der Kategorie „Pixelbär“ .. aber durch die grossen Teles und Ferngläser wird uns trotzdem ein Riesenschauspiel geboten!

Einige hundert Meter links vom Bär liegt ein einzelnes Walross auf dem Eis und hält es gemütlich. Das Walross ist der inoffizielle Herrscher der Arktis, und in einem Kampf Eisbär gegen Walross gewinnt eigentlich immer das Walross. Unser Bär ist aber noch relativ jung, und so macht er das was wir uns alle eigentlich dringend gewünscht hatten – er nähert sich nach und nach der Eisscholle des Walrosses, und sprintet plötzlich auf dessen Liegeplatz zu! Das Walross scheint ob der Störung eher perplex als sonst etwas zu sein, und richtet sich erstmal zu voller Grösse auf.

Das wiederum beeindruckt den Bären nachhaltig – und in diesem Moment fällt ihm offenbar ein, dass er eigentlich ja nur mal vorbeischauen wollte um zu sehen was hier so los ist. Fast wie ein Hund schaut er links und rechts vom Walross den offenbar sehr interessanten Boden an, schnüffelt ein wenig und trollt sich zügig wieder von dannen.

Unvermittelt gibt unser Bär plötzlich Gas und sprintet erstaunlich zügig nach links in Richtung Walross los.

Die Kameras sind die ganze Zeit am klickern, alle haben ein breites Grinsen im Gesicht, und eine
Stunde und 996 Fotos später sind wir wieder im Salon – nach der Walross-Begegnung hatte sich der Bär von uns fort bewegt und es gab nichts mehr zu sehen.

Oscar setzt seinen Vortrag fort, und obwohl alle begierig darauf sind ihre Bärenfotos zu sichten, hat er keine Mühe damit sein Publikum wieder zu fesseln. Ich bin nicht sicher wie er es macht, aber seine Art zu erzählen sorgt dafür, dass ich mich tatsächlich für die Protagonisten der Geschichte begeistere.

Um 12 Uhr ist der Vortrag zu Ende, noch eine Stunde bis zum Lunch. Während wir noch Fotos sichten kommt direkt die nächste Überraschung von der Brücke – sie haben eine Walrossmama mit einem etwa 2-jähigen Kalb gesichtet. Zunächst fehlt mir etwas der Enthusiasmus (ich habe doch noch nicht einmal meine Bärenfotos angeschaut!) aber dann gehe ich zum Glück doch. Denn auch diese Beiden sind wieder sehr fotogen!

Der Nachmittag nach dem Mittagessen verläuft dafür sehr gemütlich – Bilder sortieren,
Nickerchen machen, tolle Drohnenvideos von Stefan schauen, etc. Beim Abendessen bringt Stefan nochmal die Frage auf „wofür wollt ihr geweckt werden?“.

Hintergrund: wir werden voraussichtlich zwischen 2 und 3 Uhr morgens im Raudfjord ankommen, und falls das Wetter dort mitspielt gehen wir ggf. direkt in die Zodiacs! Alle sind begeistert und wollen ungeachtet der Uhrzeit auf jeden Fall mit (ausser Teilnehmer-Stefan, der immer noch kränkelt).

Um 20.15 Uhr bietet Stefan nach mehreren Anfragen einen spontanen Vortrag zu seinen Tipps
& Tricks rund um Adobe Lightroom, was wiedermal sehr hilfreich ist (und auch gerne länger als 75 Minuten hätte sein dürfen, aber man darf nicht gierig sein – Stefan hat auf dieser Reise bisher vielleicht 2-3 Stunden am Tag geschlafen und hängt sich extrem für uns rein!)

Um 22 Uhr ist eigentlich schon die Heia in Sicht – wir liegen wegen Nebels erstmal vor Anker und werden vermutlich doch erst etwas später im Raudfjord ankommen. Aktueller Plan ist, dass es gegen 4 Uhr aufklaren soll, und wir dann losfahren werden.

Wir sind gerade daran, im Salon den obligatorischen Bear-Whisky zu trinken als My, die Tochter des Kapitäns, spontan die Gitarre in die Hand nimmt und uns fast 2 Stunden lang ein Live Concert unplugged gibt. Ausserhalb des Lebens auf dem Schiff tritt sie regelmässig mit verschiedenen anderen Musikern auf, und hat ein Faible (und eine gute Stimme!) für Folk & Countrymusik.

Es herrscht eine gemütliche Lagerfeueratmosphäre im Salon, und eine ganze Zeit lang «wagt» es keiner aufzustehen, um den Zauber nicht zu brechen. Nach 2 Stunden ist es dann aber langsam anstrengend für ihre Stimme, und das Konzert geht zu Ende. Ein paar Leute gehen ins Bett, einige bleiben noch sitzen, während My uns von ihrer Heimat Gotland vorschwärmt. Lisa realisiert direkt, dass Gotland die Heimat von Pippi Langstrumpf ist, und nach ersten Lachern darüber dass Pippi auf Englisch tatsächlich „Longstocking“ heisst beenden wir den Tag damit, dass die Deutschsprachigen zusammen a capella (erstaunlich textsicher, aber sicherlich auch ziemlich schräg) den Titelsong der zugehörigen TV Serie singen.

Heute war wirklich ein guter Tag!

Gemachte Fotos: 2’020